Fragen des Ausgräbers …

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Ich bin ein Ausgräber. Ich komm immer wieder tiefer als es gut ist, aber auch -meistens – wieder hoch. Meine Bilanz in dieser Saison mit 4x fremder Flughafen und 1x Acker bei 20 Alpenstreckenflügen unterstreicht, daß “zu tief” bei mir ein Thema ist.
Wie ich dann in der letzten Ausgabe von Segelflug in dem Artikel übers Absaufen von Robert Schymala lese, daß es Piloten gibt, die regelmäßig zu tief kommen, hab ich mir gleich gedacht, der muß mich kennen.
Die Frage, die ich mir immer und immer wieder stelle, ist: wo wäre bei dem oder jenem Flug der “point of last return” gewesen und genau die kann ich meistens nicht beantworten. Können andere Piloten, die angeblich zwischen nie oder fast nie ein solches Problem haben, einfach besser fliegen oder ist ihre Denkweise anders fokusiert als meine? Machen sie sich früher Gedanken über Probleme, die sie noch gar nicht haben, während ich halt immer noch zuerst mal möglichst weit kommen will?
Ein Beispiel von Unterwössen aus:
ich fliege vom Montafon aus ca. 2800 m msl nördlich von Chur nach Westen übers Rheintal. Die thermischen Probleme mit dem kleinräumigen Wetter im Churer Becken sind mir durchaus geläufig. Ich war von Unterwössen aus schon ein paarmal am Oberalp und einmal sogar am Furka und bin auch schon sehr unfreiwillig in Bad Ragaz gesessen. Als ich meine Querung beginne, seh ich drüben im Westen eine Traube von Gleitschirmen an einer Stelle stehen, an die ich sonst gar nicht hingeflogen wäre, weil es ziemlich weit war. In meiner Ankunftshöhe ein wenig unter Grat ging dann aber nichts mehr. Nicht schlimm, auf nach Süden zur Callanda direkt über Chur, je nach Wind geht die eine oder andere Seite sicher. Allmählich zwickt mich mein ( sehr gut entwickeltes ) Bauchgefühl schon ein wenig, mach aber nochmal wegen zwei hundsgemein verlogenen Adlern einen Umweg, der auch nichts bringt, ebenso die komplette Umrundung der Callanda. Inzwischen hat sich meine Höhe so verschlechtert, daß das einzig Positive der immer noch mehr als reichliche Gleitpfad nach Ragaz ist. Klare Entscheidung: zurück nach Osten übers Tal, weil mich der Westwind genau in einen parabolisch geformten Hang spült auf dem noch dazu prall die Sonne einstrahlt. Es war einfach nicht zu fassen: ekelhafteTurbulenzen, kein Steigen und meine Höhe nähert sich der 1400m Marke. Zerspritzt der Wind ab einer gewissen Stärke und einer zu großen Steilheit des Hangs beim Auftreffen manchmal seitlich anstatt aufzusteigen? Also alternativlos Richtung Norden nach Bad Ragatz. Auf der östlichen Talseite ungefähr querab vom Platz finde ich dann endlich 1/2 m Steigen am Hang, aber bereits so tief, daß außer Landen in Ragaz keinerlei weitere Alternative mehr möglich ist. Das Ausgraben an dieser Stelle hat es aber wirklich in sich gehabt: eine Stufe im Hang, die die paar gewonnen Höhenmeter anfangs immer wieder zu nichte gemacht hat, am nördlichen Ende eine durchaus ernstzunehmende Seilwarnung und am südlichen Ende im Freien wieder Abwinde. Eng , turbulent, zu bodennah, mikriger Höhengewinn, keine Alternative, kurz: eine Situation, in die sich keiner freiwillig begibt und über die ich mir schon hunderte Male geschworen habe, daß mir das nie, nie wieder passieren wird.
Ich bin wirklich wieder hoch- und über Dornbirn auch noch nachHause gekommen, weil ich eben ein verdammt zäher Ausgräber bin, aber wo war er, der Punkt, an dem andere Entscheidungen hätten getroffen werden müssen? Ich finde ihn einfach nicht. Vorsichtshalber gleich nicht rüber fliegen, weil man ja schließlich auch aus 2800 m absaufen könnte, noch dazu bei der Auswahl von mehreren Hotspots, die nach meiner reichlichen Erfahrung alle hätten funktionieren müssen??
Ich glaube offen gestanden nicht, daß es ein Rezept, eine Art reproduzierbares Verhalten gibt, das im Einzelfall ein zu tief kommen verhindert, ausgenommen natürlich, du bewegst dich nie unter einem Gleitpfad von + 500 zum nächsten Flugplatz. Dann kommst du halt nicht weit und nur bei 110% Hammerwetter, aber dann fliegst du halt nicht oft.
Eigentlich ist es ja ganz einfach: immer schön oben bleiben !! Wenn Du weißt, wie das geht, lass es mich wissen, dann kannst Du Dir bei mir und der gesamten Kaste der Motorlosen unsterbliche Verdienste erwerben!

“Ausgräber” Markus Müller