Jan spielt mit Wind und Wellen!

Jan berichtet selbst von seinem Erlebnis in Wind und Wellen:

„Am Mittwoch, 08.10., ist er da: der erste Föhntag der Saison. Ich habe frei, die LS8 ist reserviert und wartet auf den Wind. Die Prognosen sehen für die Schweiz gut aus, aber bei uns eher schwach. Doch am Vorabend zeigt sich im Sonnenuntergang eine orangerosa Lenti über dem Geigelstein. Prima, da ist mein Wind. Trotzdem klar, dass das kein Tag für einen Frühstart wird. Auch recht, so kann ich die Vorbereitungen am Morgen erledigen. Um 10 Uhr bin ich endlich fertig und es kann losgehen.

An jedem Föhntag aufs Neue die Pokerfrage: wohin schleppen? Der klassische Schlepp zum Kaiser gefällt mir in den letzten Jahren immer weniger. Geht der Kaiser überhaupt im Luv? Macht er in seinem Lee eine Welle? Geht die Stripsenjochwelle hoch genug? Darf ich ohne Transponder hoch genug hinauf für die lange Querung zum Rofan? Erwische ich gegen den Südwest eine halbwegs akzeptable Linie, um überhaupt am Rofan anzukommen? Geht das Rofan so tief untenraus im Hang?

Besonders an Tagen wie am vergangenen Mittwoch, an denen das gute Windfeld noch weit im Westen steht, sind das einfach zu viele Unwägbarkeiten – zumal der mögliche Gewinn gerade einmal 35 bis 40 zusätzliche Streckenkilometer sind, der mögliche Verlust aber der ganze Flug! Also, ich gebe zu, ich bin da feige und unsportlich und setze lieber die zusätzlichen Schleppminuten ein.

Bei langen Streckenschlepps ist es normalerweise am ökonmischsten, dennoch auf maximales Steigen zu schleppen, nach Rechner zu klinken und dann den Rest der Strecke abzugleiten. Nicht so im Föhn: das Risiko, abgleitend einen absteigenden Wellenast zu erwischen, ist zu groß. Deswegen schleppt mich Jörg mit 160 km/h durch den Klobenstein, auf einer exzellent getroffenen tragenden Linie durchs Lee des Zahmen Kaisers und dann den Pendlinggrat entlang. In der Südwand des Rofan greift sofort Hangwind unter die Flächen, ich klinke in 2050 Metern. Der Samburo jagt zurück, nach nur 42 Minuten Gesamtflugzeit ist Jörg wieder in Unterwössen.

Ich habe unterdessen die Rofanwelle genau dort gefunden, wo sie meistens steht: direkt über der Bergstation der Bahn. Mit 3m/s geht es laminar nach oben, ein erstaunlich problemloser Beginn. Doch auf Innsbruck Radar kann ich weniger Erfreuliches mithören: Bodenwind fast still, kein Föhn in Igls, Föhn-Arrival nicht aktiv, sondern der normale ILS-Approach, keine Warnungen vor Turbulenz und Windshear. Und was ich voraus über Innsbruck sehe, lässt mich grübeln: da steht zwar die übliche flache Staubewölkung, die den Hangwind an der Nordkette gegenüber der Brennerdüse markiert, aber deren Tops fallen in die falsche Richtung um, als ob in der Höhe eher Nordwest als Südwest herrsche. Ich beschließe, dass das nicht sein kann, bitte aber trotzdem per SMS um den Zugspitz-Wind. 180° mit 27 Knoten, nun gut, das beruhigt. Dennoch, ich darf auf keinen Fall tief kommen, sonst falle ich aus dem Wind heraus. Höhe ist jetzt mehr wert als Zeit. Leider zerplatzt die Rofanwelle schon in knapp 3000 Metern an einer mächtigen Scherung. Gegenüber am Stanser Joch markiert ein löchriger Cumulusfetzen die nächste Welle, die mich zurück auf 3000 Meter bringt. Damit kann ich komfortabel von oben in den Hangwind der Nordkette sinken.

Normalerweise das beste Stück der Hang-Autobahn, enttäuscht die Nordkette diesmal mit unorganisierter, widersprüchlicher Strömung. Zum Durchgleiten an die Hohe Munde fehlt mir der Mumm, ich drehe am Solstein um und versuche, vor dem Stauluv über der Seegrube Wellenansätze zu erwischen. Vergeblich, es geht nur bis 2600 m und mir bleibt nur der Weiterflug. An der Reither Spitze stolpere ich in einem schwachen Wellenheber zurück auf 2500 Meter.

Das langt normalerweise locker für die Querung an die Mieminger. Doch an der Hohen Munde reicht der Hangwind gerade eben zum Höhehalten in 2000 Metern. Was tun? Weiter an den Miemingern entlang? Zurück nach Innsbruck? In beiden Fällen müsste ich nochmals Höhe investieren und fiele fast sicher aus dem Windniveau heraus. Ich sitze in der Falle. Zum ersten Mal kommt Sonne durch und ich kann, etwas vor dem Sattel zwischen Munde und Miemingern abgesetzt, in einen engen halben Meter eindrehen. Der Windversatz der Kreise ist parallel zum Grat aus West. Ist das Thermik? Aus 2200 Metern wage ich einen Ausbruchsversuch entlang der Mieminger, den ich sofort bitter bereue: an der alten Stelle muss ich die verspielten 250 Höhenmeter wieder gutmachen, immerhin diesmal in halbwegs organisiertem Hangwind.

Benni Bachmaier versorgt mich unterdessen via Whatsapp mit den neuesten Infos aus dem Leewellen-Tool des Wettermodells Cosmo. Demnach sollte am Westende der Mieminger eine schwache Welle stehen. Zurück in 2200 m, setze ich alles auf diese eine Karte und gleite durch. Phänomenal: am Wanneck steht wirklich schwaches Steigen, erst im Hang, dann aber eindeutig Welle. Desgleichen am Rauchberg nördlich Imst.

Benni schreibt, dass laut Cosmo eine schwache Schwingung bei Imst und eine stärkere bei Landeck stehen müsste. Ich kann beide sehen, und wie berechnet ist die Imster Lenti faseriger und schwächer, die Landecker Lenti hingegen scharf konturiert. Beide stehen auf Südwest, wie vorhergesagt. Die Imster Welle treffe ich am üblichen Einstieg, doch trotz der hohen Lenti ist schon wieder in 3000 Metern Schluss. Der Versuch, mit etwa konstantem Abstand zum auslösenden Grat des Venetbergs eine Wellenlinie zu treffen, scheitert – mit Gleitzahl 11,5 falle ich durchs Venet-Lee.

Voraus wartet mein Angstgegner, die Parseier Spitze. Dieser vermeintlich perfekte Luvhang frustriert allzu oft mit beängstigender Turbulenz und bodenlosem Fallen. Ist es ein absteigender Wellenast, der den Hangwind hier zerstört? Wenn ja, dann müsste man ja ein Stückchen weiter luvseits den dazugehörigen aufsteigenden Ast finden. Also quere ich den Grat des Venetberges gegen den Wind. Ein gewaltsamer Spielzug ohne jede Eleganz. Doch im Luv vor dem Krahberg-Sender packt sofort die Welle zu und bringt mich auf 3500 Meter. Schach.

Welle
Welle

Wenn ich jetzt keinen dummen Fehler mehr mache, kann ich im laminaren Niveau bleiben. Tastend fliege ich an den Wolkenkanten entlang, die die Wellenströmung recht eindeutig markieren. Genau über der Ortschaft Strengen der nächste Wellenheber auf 4200 Meter. Matt.

Parseier
Parseier

Die Höhe reicht, um bis zum Arlberg nach der Leelinie zu suchen. Die Linie ist etwas uneindeutig markiert, die Vorderkanten der Cumuli bilden immer wieder Buchten nach Norden. Die Westkomponente macht sich also auch hier bemerkbar. Ein unnötiger Schlenker auf die Luvseite des Tales zur Valluga bringt nichts, aber ich bin immer noch hoch genug, um diagonal Richtung Montafon durchzugleiten. Die etwas unmotivierte Linienwahl bringt mir einen netten Zufallstreffer ein: die erste Welle steht diesmal schon hinten im Silbertal, bestens markiert durch eine Linie eher thermisch anmutender, düsterer Cumuli, so dass ich gar nicht bis Schruns vorfliegen muss. Für Südwestlagen kann man sich diesen Einstieg wohl merken, die Stelle ist einfach zu plausibel. Leider darf ich ohne Transponder nur bis FL155, alles Verhandeln mit Wien auf der 124,40 hilft nicht.

Silbertal
Silbertal

Die ganz normale Schruns-Welle geht natürlich auch, wie von Cosmo berechnet und von Benni weiterberichtet etwa 2-3 km südlicher als sonst. Es ist jammerschade, dass der DWD die hochauflösende Darstellung dieser exzellenten Leewellen-Prognose via Sky View eingestellt hat und nur noch grobpixelige Karten veröffentlicht – so ruiniert lediglich die schlechte graphische Darstellung die verblüffende Präzision des Modells. Benni holt mit viel Mühe das Maximum aus den Pixelwolken und schickt mich quasi ferngesteuert in die nächste Welle bei Bad Ragaz.

Wolkenmeer
Wolkenmeer
Montafon
Montafon

In der Schweiz herrscht unter der Woche fahrplangemäß Krieg, MIL ON heisst das hier, aber dennoch lässt mich der freundliche Züricher Controller auf FL160 steigen. Zaghaft fliege ich weiter nach Westen, entlang der Leekante eines flachen Wolkenwasserfalls, der aus dem Vorderrheintal überschwappt. Kaum falle ich aus der erhofften Wellenlinie heraus, drehe ich schreckhaft um – dumm, denn es ist erst viertel nach drei und Benni schriebt mir später, dass es ohnehin keine echte Wellenlinie gab, sondern nur regelmäßige Schwingungen der Südwestströmung diagonal zum Leeauslöser. Das hätte ich mir auch denken können.

Zurück in der Ragazwelle, tobt ein Hawker Hunter an den Lentis entlang und turnt in Kubanischen Achten durch die Steigfelder. Prompt darf ich nur noch bis FL130 – unangenehm, denn damit komme ich nicht mehr on Top direkt zurück in die Montafonwelle, sondern muss leeseits um Schesaplana und Zimba herum. Dort wird es zum ersten Mal in diesem Flug richtig turbulent, aber ein einfach zu zentrierender Rotor hilft mir gleich darauf zurück ins Laminare. Nebenan steht die Montafonwelle, nun auch mit einer echten, glattgeschliffenen Lenti markiert. Jammerschade, dass ich an ihrer Vorderseite nicht weiter hochsurfen darf als wieder FL155.

 

Lenti
Lenti

 

On Top
On Top

Von hier aus ist der Rückflug on Top nach Innsbruck ein Kinderspiel, der Rückenwind schiebt gewaltig und die einzige Herausforderung besteht darin, die Senken und Löcher in der Wolkendecke richtig den Tälern darunter zuzuordnen. Bei Imst bin ich wieder unter den Wolken und an den Miemingern wieder im Hangniveau. Bei Innsbruck habe ich Zeit zum Spielen. Draußen über dem Tal kringeln sich zerfetzte Cumuli entlang einer vom Südwest diagonal zur Talachse verbogenen Linie. Die Innsbrucker Dimona sucht bereits mit abgestelltem Motor über den Hangfüßen von Patscherkofel und Glungezer herum. Es zuppelt überall, aber einen richtigen Einstieg finden wir auch gemeinsam nicht.

Inntal
Inntal

Dafür steht am Rofan immer noch zuverlässig die Welle, diesmal eher vorn am Ebnerjoch. Und weil ich Zeit habe und außer der Endanflughöhe nichts mehr brauche, zeigt mir die Welle was Neues: sie kommt von 2200 bis 4200 Metern mit einer Winddrehung von über 45 Grad klar, ohne dass das Steigen zerschlagen wird. Interessant – der Rest ist Genuss, an den Loferern in zartem Hangwind noch den beginnenden Sonnenuntergang genießen und ab nach Haus. Manfred, Kris und Thomas, der den ganzen Tag auf Rückholer-Standby war, helfen mir einräumen. Ein schöner Tag!“

Loferer
Loferer

OLC