Von Unterwössen zum Matterhorn

Wolfgang Lengauer berichtet von seinem Flug am 3. August 2003

Der berühmteste Berg des gesamten Alpenbogens ist unzweifelhaft das Matterhorn. Auch ich kann mich dem Reiz und der Anziehungskraft dieses Berges nicht entziehen.

Schon mehrmals hatte ich von Südfrankreichs Barcellonette Flüge zum Matterhorn unternommen, und die Begegnungen ließen immer wieder tiefe Eindrücke und Begeisterung für Gottes schöne Natur in mir zurück.

Einen Flug zum Matterhorn auch von Unterwössen aus durchzuführen und zu dokumentieren war schon lange als großer Wunschtraum in mir.

Bisher waren alle Versuche von mir und von Walter Weber ( vielleicht auch von anderen Unterwössener Piloten?) in den vergangenen Jahren gescheitert, das Matterhorn ließ sich von Unterwössen aus nicht erobern.

Nachdem ich Anfangs Juli ein bisschen müde von der Kilometer Jagd im OLC war und ich einsehen musste, dass eine vordere Platzierung in diesem Jahr sehr schwer erreichbar war, habe ich umgedacht und mein erklärtes Ziel für 2003 hieß nun : Zermatt am Matterhorn!

Doch wie die Geschichte zeigt, ist das Matterhorn widerspenstig und lässt sich nicht so leicht erobern und auch heuer musste ich mehrfach feststellen, daß der Flug Unterwössen – Zermatt  nicht so einfach zu meistern ist.

Nicht weniger als 6 mal musste ich heuer aus Zeitgründen oder wegen der Meteo Gegebenheiten vorzeitig umdrehen, meist am Furka Paß oder kurz dahinter.

Auch am 3.8.2003 sah es nicht danach aus, daß der Flug gelingen könnte. Denn der Start verzögerte sich.

Paul Möller machte seinen Fünftausendsten Schleppflug und es war natürlich klar, daß wir alle Spalier standen und unseren Paul, der soviel für uns und unseren Flugsport tut, so richtig hochleben ließen.

So kam es , daß ich erst kurz vor 11 Uhr Lokalzeit mit der Winde in die Luft kam, mein Vorhaben Zermatt hatte ich in Gedanken schon gestrichen.

Aber zumindest einen neuen Weg wollte ich probieren und vielleicht ??? man weiß ja nie?? Und warum sollten 800 km nicht auch um 11 Uhr noch zu schaffen sein??

Anschließend nun das Protokoll des Fluges:

10.50 Uhr

Start an der Winde

11.00 Uhr

Beginn des Segelfluges nach Steigflug mit Motorhilfe auf 2700 m. Hier zeigt es sich wieder einmal wie hilfreich ein Klapptriebwerk sein kann, mit dem

F –  Schlepp hätte es sicher länger gedauert, bis diese große Abflughöhe erreicht ist.

Der hohe Abflug ( von Walter Weber ausgetüftelt) hat den Vorteil, daß die Barriere Inntal schnell überwunden und der Einstieg ins Karwendel  wesentlich einfacher ist.

11.15 Uhr

Ankunft Großer Traiten, die Geitauer Segelflieger sind bereits in der Luft und weit vor mit sehe ich Hansi Fitterer schon im Abflug Richtung Karwendel.

Meistens sehe ich bei meinen Abflügen Richtung Westen die Geitauer noch am Hang und ich bewundere deren Leistung im Streckenflugvergleich OLC oder DMST, denn nur aus der Winde ist ein Start in Geitau möglich und danach muß mit vielen Tricks und hohem segelfliegerischen Können der Einstieg in die obere Etage geschafft werden.

11.21 Uhr

Basis 2100 Meter an der Rotwand mahnen zur Vorsicht, auf dem Weiterflug zur Soiernspitze nehme ich jede Steigmöglichkeit mit, denn bereits einmal in dieser Saison musste ich den Motor zu Hilfe nehmen um bei Fall wieder aus der unteren Etage hochzukommen.

11.55 Uhr

An der Soiernspitze habe ich Hans Fitterer eingeholt und gemeinsam kreisen wir bis auf 2700 m . Obwohl ich die Geitauer Funkfrequenz weiß, hüte ich mich ein „Grüaß di“ per Funk hinüberzuschicken, denn Funkdisziplin wird groß geschrieben in Geitau und so mancher Flugfunkdauerquassler sollte sich daran ein Beispiel nehmen.

Also ein kurzer Gruß per Handzeichen muß es auch tun und ich beschließe, hinter Hansi herzufliegen, denn er ist als Super Streckenflieger meist gut und schnell unterwegs und sein Ziel scheint ähnlich wie meins zu sein. Doch als er abbiegt Richtung Karwendelspitze scheint mir doch der Weg über den Wetterstein der bessere und schon trennen sich unsere Wege.

12.30 Uhr

Die Lechtaler gehen gut und ich versuche, möglichst wenig Umwege zu machen.

12.50 Uhr

Ulmer Haus am Arlberg, die Basishöhe steigt auf 3300 m und ich beschließe, direkt über Chur zu fliegen. ( Ich hab zwar die Warnung von Jochen von Kalckreuth im Ohr vom „Toten Churer Becken“ aber heute sieht es optisch als machbar aus.)

13.36 Uhr

Der Anschluß westl. von Chur ist schwer zu finden und ich bin auf 2400 m für den Weiterflug in die hohen Berge zu tief. Erst nach längerem Suchen bringt eine Kante nördl.von Ilanz  wieder etwas Luft unter die Flügel, aber ich muß weit unter Gipfelhöhe weiterfliegen, Basis 2700m bis max. 3000m .

14.12 Uhr

Am Oberalp Paß steht vorgelagert gute Thermik zur Verfügung und bringt mich auf 3500m. Ich beschließe, die Talseite zu wechseln und fliege weiter südlich zum Furka.

14.23 Uhr

Furka Paß, eigentlich müsste ich schon ans Umkehren denken, da aber die Wetteroptik Richtung Zermatt gut aussieht, beschließe ich doch weiterzufliegen. Basishöhe meist nur wenig über 3000m aber einige hohe Berge geben auch mehr her. Kurz vor Saas Fee sogar 3500 m . Dann etwas verweilen bei Saas Fee und ein kurzer Tel. Gruß zur Heidi , die von der Alm heraufwinkt und weiter geht’s ins Matter Tal.

14.57 Uhr

Das Matterhorn steht vor mir, gewaltig ragt es auf und aus meiner Höhe von gerade mal 3200m erscheint es noch imposanter. Meine Digitalkamera kommt zum Einsatz und vor lauter Fotos schießen vergesse ich, genug Höhe vor dem Einflug ins Mattertal zu machen, ich lasse den Flieger immer weiter ins Tal gleiten, denn es ist gleich 15.00 und vor mir liegen noch 400 km bis Unterwössen.

 

Ein gewaltiger Eindruck, vielleicht der schönste Berg der ganzen Alpen!

 

Noch gibt es die Gletscher, wer weiß wie lange noch!

 Prompt kommt die Quittung für meine Ungeduldigkeit, ich kann im Mattertal keine Höhe machen und das Talwindsystem zerreißt alles, was an Thermik hochkommen will. Ein paar Bilder noch, dann flüchte ich und kann erst am Talausgang wieder in die Höhe kommen.

15.15 Uhr

Es ist geschafft, ich hab wieder 3500m NN und beginne den Rückflug.

15.28 Uhr

3500 m am Furka, jetzt muß ich mich für die richtige Talseite entscheiden, welche ist die schnellere?? Aus vielen Flügen vom Furka Paß Richtung Heimat habe ich die Erkenntnis für mich gefunden, daß der Rückweg über das Engadin sicherer ist, als über den Arlberg, aber der Umweg ist halt auch zu bedenken. Den Ausschlag für die Entscheidung Engadin gab im Endeffekt mein Verzug im Zeitplan, denn spät abends ist es aussichtsreicher aus den hohen Bergen noch ins Ötztal zu kommen und von dort mit viel Glück und der nötigen Höhe heimzugleiten.

16.36 Uhr

Zäh geht es vorwärts, die Thermik zieht nicht mehr besonders gut und ich weiche weit in den Süden zum Splügen Paß aus.

17.05 Albula Paß, jetzt scheint die Strecke wieder machbar und ich bin schon des öfteren weit später noch vom Albula nach Hause gekommen. Über Muottas Muragl geht es auf 3500 und vorsichtig, jede Thermik nutzend geht es weiter Richtung Heimat.

17.37 Uhr

Überquerung des Reschenpass, die Thermik lässt spürbar nach und nur noch wenige Wolken stehen am Himmel. Kaunertal, Pitztal und danach Ötztal, mitnehmen was an Höhe geht heißt die Devise, denn voraus sieht es nicht mehr nach gutem Steigen aus.

18.12 Uhr

Nach längerem Suchen finde ich im Ötztal noch mal gutes Steigen und ich fliege mit 3800 m Richtung Brennertal weiter.

Auf den kommenden 60 km finde ich kein Steigen mehr und die Gleitzahl meines Fliegers sinkt rapide auf 42. Die Thermik hat nun ganz Schluß gemacht, 2400 m NN zeigt mein Höhenmesser im Tuxer Tal und noch über 90 km sagt der Rechner sind bis Unterwössen zu fliegen.

Mein Rechner teilt mir auch noch ohne größere Emotionen mit, daß mein Gleitpfad mit einer angenommenen Größe von 40 bei weitem nicht nach Unterwössen reicht.

Ich will aber diesen Flug um jeden Preis im Segelflug beenden und ich hoffe nun auf Hangwind und Konvergenzen um noch nach Haus zu kommen.

18.36 Uhr

Ein kleines Fluserl am Himmel zeigt mir wo die Konvergenz bei Hintertux steht, 400 m Höhengewinn mit  1m/s Steigen und die Welt sieht schon wieder ganz anders aus. Aber mein Rechner ist unerbittlich, noch immer reicht die Höhe nicht.

Dann über Mayrhofen eine kleine Konvergenz mit einem halben Meter Steigen bringt noch mal 150 m.

2700 m sind erreicht und ich gleite talauswärts mit starkem Sinken, am Talausgang Zillertal habe ich gerade noch 1700 m Höhe. Bis Kufstein sollte das bei zu erwartendem starken Talwind knapp reichen, aber nicht weiter.

Am liebsten würde ich mich ja in den Hintern beißen, wenn ich diesen Flug nicht heimbringe( ist aber im engen Segelflieger sowieso nicht durchführbar), aber ich gebe nicht auf und tatsächlich am Taleingang Wildschönau gibt mir eine Konvergenz noch mal 450 Höhenmeter.

Das war die Rettung, mit Gleitzahl 38 (starker Gegenwind) und starker Anspannung im Cockpit geht es über Kufstein – Kössen – nach Unterwössen. Mit 250 m über Platz komme ich an und Freude, Entspannung und ich gebe es zu, ein bisschen Stolz über den meines Wissens weitesten Ziel –  Rückkehrflug von Unterwössen aus schwingt in mir, während ich nach der Landung genüsslich zur Flusportgruppe Unterwössen Halle ausrolle.

IGC-Datei von meinem Flug